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"Anleitung zum Fremdgehen"

Ein interaktiver Parcours zum Erwerb Interkultureller Kompetenz

Eine Anleitung wozu ? Sie haben richtig gehört: zum Fremdgehen! Wir laden Sie ein, sich mit uns auf Entdeckungsreise nach dem „Fremden“ zu begeben. Und wir müssen nicht lange suchen, denn schnell wird klar: das „Fremde“ ist hier, es ist überall, es ist essentieller Bestandteil unseres täglichen Lebens!

In den letzten Jahren sind überall um uns herum politische und ideologische Gräben überwunden worden. Nationale Grenzen existieren vielfach nur noch auf dem Papier. Gerade hier, in der Region Niederbayern, gehört der Kontakt mit Menschen unterschiedlichster Herkunft schon zum Berufsalltag: Sie kommen zu uns auf der Suche nach Arbeit, Handel und einem Stück Lebensqualität. Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Höchste Zeit also, junge Menschen, die kurz vor ihrem Eintritt ins Berufsleben stehen, auf diese neue Wirklichkeit vorzubereiten und der interkulturellen Herausforderung ihren Schrecken zu nehmen!

Wir vom Institut für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau (ink.up) haben dazu bereits den ersten Schritt getan. Unter Leitung von Prof. Dr. Ursula Reutner vermittelt ein eigens zusammengestelltes Team von studentischen Trainern den Schülern auf unkonventionelle und anregende Weise wichtige Grundlagen der interkulturellen Kompetenz: Während eines interaktiven Lernparcours entdecken und erweitern die Schüler nicht nur mit viel Spaß ihre eigene Kommunikationsfähigkeit, sondern lernen auch Strategien kennen, die ihnen den alltäglichen Umgang mit dem Neuen und Ungewohnten erleichtern.

Dabei werden die Grenzen des klassischen Unterrichts gesprengt. Die Trainer, allesamt Studenten und somit durch den geringen Altersunterschied „nahe dran“ an der Zielgruppe, verstehen sich selbst weniger als Lehrende, sondern vielmehr als Begleiter. Ihr Ziel ist es, die Schüler zum eigenständigen Suchen und Finden von Lösungsstrategien anzuregen. Deshalb besteht der Parcours zu einem maßgeblichen Teil aus erlebnisorientierten Interaktionsübungen, bei denen Anfassen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist. Authentische Erfahrungen und überraschende Wendungen regen zur offenen Diskussion in der Klasse an. Lösungen entstehen im Gespräch, der beobachtende Blick wird geschärft und das eigene Kommunikationsrepertoire spielend erweitert.

Wahrscheinlich fragen Sie sich jetzt, wie so etwas in der Praxis aussehen kann. Ein Beispiel soll diese Frage beantworten. Bereits die erste der sechs Stationen im Parcours, das „Warm-Up mit Vorurteilen“, bietet den Schülern komplexe Lernerfahrungen. Hier werden sie aufgefordert, sich gegenseitig in Bezug auf verschiedene persönliche Eigenschaften wie Musikgeschmack, Hobbies usw. einzuschätzen. Dazu finden sie sich in Kleingruppen zusammen; je eine Person sitzt stumm und mit unbewegter Miene da, während sie vom Rest der Runde „abgecheckt“ wird. Die Vermutungen werden notiert. Danach wechseln die Rollen, bis jeder seine eigene Fremdeinschätzung vorliegen hat.

In der Auswertung mit Hilfe der Trainer wird der wesentliche Lerninhalt der Station schnell klar, denn das vordergründige Ziel, eine lockere Atmosphäre zu schaffen und die Schüler für weitere Übungen zu aktivieren, ist natürlich nicht das einzige. Tatsächlich geht es hier darum, den Schülern zwei wichtige Erfahrungen zu ermöglichen: zum einen entdecken sie, wie schnell sie selbst sich anhand einfacher äußerer Merkmale eine Meinung über andere bilden; zum anderen lernen sie am eigenen Leib auch die Kehrseite kennen, nämlich wie man sich fühlt, wenn andere sich ein (Vor)Urteil über einen selbst bilden. Ganz ohne moralisierenden Zeigefinger wird so ein erster Zugang zu einem differenzierteren Umgang mit eigenen Vorbehalten und Stereotypen geschaffen. Auf ähnliche Weise beschäftigen sich die weiteren Stationen mit Techniken zur besseren Gesprächsführung, mit geistigen Schubladen sowie Strategien zur persönlichen Grenzüberschreitung.

Schüler der Berufschule 2 Passau und der Berufsschule Pfarrkirchen mit Zweigstelle Eggenfelden waren die ersten, die sich mit ink.up auf das „Abenteuer Fremdgehen“ eingelassen haben. Sowohl ihr begeistertes Feedback als auch die konstruktiven Beiträge der Schulleiter und Lehrer haben uns veranlaßt, den Parcours kontinuierlich weiterzuentwickeln. Mittlerweile hat sich die Bandbreite der besuchten Schulen erheblich erweitert: die Berufsschule Dingolfing, Hauptschule Dingolfing, die FOS/BOS Passau und die Berufsschule 1 Passau bekamen bereits "Anleitung zum Fremdgehen".

Was dieser Parcours nicht kann, ist, Wunder zu vollbringen. Er wird nicht ein für alle Mal mit sämtlichen Vorbehalten und Berührungsängsten aufräumen. Und doch kann er einen Samen der Toleranz und Offenheit ausbringen, der mit der Zeit seine ganz eigenen Früchte trägt.

Der interkulturelle Lernparcours wird wissenschaftlich von der Universität Passau begleitet und evaluiert und für seinen weiteren Einsatz in weiterbildenden Schulen fortentwickelt.